Integration - Deutschland kann das

Integration im Handwerk

Willkommenslotse im Dauereinsatz

Mit ihrem Engagement helfen sie dabei, Flüchtlingen eine neue Perspektive zu geben und zugleich den Fachkräftemangel zu bekämpfen: Bundesweit bringen 150 Willkommenslotsen Betriebe und Flüchtlinge zusammen. Der Lotse der Handwerkskammer Potsdam greift in seinem Job auf ein großes Netzwerk zurück.

Zimmereichef Haiko Tschörner hilft dem Flüchtling Aragaw Bezabih bei der Arbeit.  Zimmereichef Tschörner setzt auf die Beschäftigung von Flüchtlingen. Foto: Bundesregierung/Mohr

Holger Münster ist heute im Außeneinsatz. Es ist kurz nach neun, als sich der 45-jährige Willkommenslotse auf den Weg zum ersten Betrieb macht. Doch weit kommt er nicht. Schon vor der Tür der Handwerkskammer Potsdam schallt ihm ein fröhliches "Guten Morgen" entgegen. Mit einem festen Händedruck begrüßt ihn ein Unternehmer. Im Schlepptau ein junger Mann, ein Flüchtling, der bei der Firma arbeitet und eine Bescheinigung für das Jobcenter benötigt. Ein Fall für Holger Münster. Trotz Termindrucks geht er mit den beiden ins Büro zurück. Und schon nach fünf Minuten ist die Bescheinigung ausgestellt. Dankbar verabschieden sich die beiden spontanen Besucher für die unkomplizierte Hilfe. "Willkommenslotse" steht bei Holger Münster nicht nur auf der Visitenkarte.

Hilfe für Flüchtlinge bei der Integration

Jetzt aber schnell zum Auto, der Termin in einer Zimmerei drängt. Doch innerlich lässt sich Münster nicht aus der Ruhe bringen. "Eigentlich habe ich einen genialen Job", erzählt er während der Fahrt. "Ich helfe Flüchtlingen, sich hier in Deutschland zu integrieren und eine eigene Existenz aufzubauen. Und zurück kommt eine unglaubliche Dankbarkeit von denen, die es geschafft haben."

Vielleicht gehört auch Aragaw Bezabih bald dazu. Der 25-jährige steht in der Werkstatt der Potsdamer Firma "Dachmanufaktur". Hochkonzentriert schraubt er einen Fensterrahmen zusammen. Perfekt, alles sitzt fest. Mit leuchtenden Augen zeigt er seinem Chef das Ergebnis. "Genauso soll es sein", bestätigt ihn Haiko Tschörner. Und schaut zu Holger Münster, der den Blick mit einem Grinsen erwidert. Als wolle er sagen: War doch klar, dass das funktioniert. Denn Münster hat den Flüchtling aus Eritrea an die Zimmerei vermittelt.

Seit einigen Wochen macht Aragaw Bezabih dort ein Praktikum. Haiko Tschörner ist begeistert: "Sein Arbeitswille ist für mich entscheidend. Er ist immer pünktlich, arbeitsfähig und motiviert." Eines hebt Firmenchef Tschörner außerdem hervor: "Aragaw hat einen riesigen Willen, Deutsch zu lernen. Und das ist in einer Umgebung, die ihn verpflichtet, Deutsch zu sprechen, natürlich wichtig."

Neue Chance in Deutschland

Wie zur Bestätigung beginnt der 25-jährige Eritraer in leicht gebrochenem, aber verständlichem Deutsch zu erzählen: Dass er seit eineinhalb Jahren in Deutschland lebt, jetzt mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in Potsdam wohnt, und dass er in Eritrea als Friseur sein Geld verdient hat. In diesem Beruf will er aber nicht mehr arbeiten. Deshalb ist er "glücklich", nun in dem Dachdeckerbetrieb eine neue Chance bekommen zu haben.

Einziger Wermutstropfen für den jungen Flüchtling: Der Arbeitsvertrag, der sich unmittelbar an das Praktikum anschließen soll, liegt noch zur Prüfung bei der Ausländerbehörde. "Das ist schon zermürbend, wenn man wegen der Bürokratie warten muss", sagt Haiko Tschörner. Weil er Aragaw Bezabih so schnell wie möglich fest einstellen will, hat er sich in seiner Not an Holger Münster gewandt.

Schnittstelle zwischen Firmen und Behörden

Der Willkommenslotse der Handwerkskammer dient als Schnittstelle zwischen Firmen und Behörden. Im Fall von Aragaw Bezabih will Holger Münster bei der Ausländerbehörde nachhaken. "Die Betriebe sind sehr dankbar, dass es jemand gibt, der sie unterstützt, und ihnen vor allem bürokratische Dinge abnimmt", berichtet Münster. Mal ist der Aufenthaltsstatus eines Flüchtlings unklar, ein anderes Mal hat ein Flüchtling mehrmals das Jobcenter gewechselt, oder er ist plötzlich gar nicht mehr im Betrieb aufgetaucht.

"Dann komme ich, spreche mit allen und versuche die Dinge zu regeln", sagt Münster. Für viele Betriebe sei die Einstellung von Flüchtlingen eine Art Experiment. "Umso wichtiger ist es, dass sich die Firmen schnell an mich wenden, wenn es Probleme gibt. Dann kann ich noch reagieren. Das ist besser, als das ganze Projekt scheitern zu lassen", ist Holger Münster überzeugt.

Zeichen für die Gesellschaft

Das ist auch die Haltung von Haiko Tschörner von der Firma "Dachmanufaktur". Er verbindet mit der Beschäftigung eines Flüchtlings eine klare Botschaft. "Als Bürger haben wir etwas dafür zu tun, dass die Flüchtlinge bei uns gut aufgenommen werden und hier einen Mehrwert schaffen können. Mir ist wichtig, dass die Flüchtlinge ihr eigenes Geld verdienen können. Das ist auch ein Zeichen für die Gesellschaft", betont Tschörner.

Holger Münster nickt zustimmend. Dann schaut er auf die Uhr, der nächste Betrieb wartet. Als er in sein Auto einsteigen will, klingelt sein Smartphone. Die Mitarbeiterin eines Jobcenters hat eine Frage zu einem Flüchtling und will sich in ein paar Tagen mit Holger Münster treffen. Auch dieser Termin ist schnell vereinbart. Die enge Zusammenarbeit mit den Jobcentern und der Bundesagentur für Arbeit ist entscheidend für den Willkommenslotsen. Nur gemeinsam lasse sich das Ziel erreichen, Flüchtlinge und Betriebe zueinander zu bringen, betont Holger Münster.

Großes Netzwerk hilft Willkommenslotsen

Seit dem 1. April arbeitet er als Willkommenslotse bei der Potsdamer Handwerkskammer. Als gelernter Dachdeckermeister hatte er für die Kammer zuvor Prüfungen abgenommen. Durch seine langjährige Berufspraxis kennt Holger Münster zahlreiche Betriebe und Firmenchefs der Region persönlich. Dadurch konnte er vom ersten Tag an als Willkommenslotse auf ein großes Netzwerk zurückgreifen.

Und auch der Kontakt zu Flüchtlingen ist nicht neu für ihn. So hat er für vier Monate bei einem Träger eines Flüchtlingsprojektes gearbeitet. "Aus dieser Zeit habe ich noch jede Menge Kontakte, die mir heute bei meiner Aufgabe helfen", erzählt Münster. Ein weiterer Startvorteil für den 45-Jährigen: 2008 arbeitete er vier Wochen in Damaskus. Dieser Aufenthalt in Syrien machte ihn sensibel für den Umgang mit anderen Kulturen.

Auf der Fahrt zum nächsten Betrieb macht er deutlich, dass seine Arbeit nichts mit einem gewöhnlichen Bürojob zu tun hat. "Vor kurzem musste ich mich schon morgens um halb sechs in eine Backstube stellen, weil der Bäckermeister nur dann für ein Gespräch Zeit hatte", erzählt Münster. Das große Engagement des Willkommenslotsen einschließlich Überstunden lohnt sich: Immer häufiger werden nun Flüchtlinge in Betrieben beschäftigt.

Vorbehalte in Betrieben ausräumen

Darüber freut sich auch Ines Weitermann, Pressesprecherin bei der Handwerkskammer Potsdam: "Die Einsetzung eines Willkommenslotsen ist ein sehr gutes Projekt", betont sie. Bei der Beschäftigung von Flüchtlingen gehe es zum einem um die "Bekämpfung des Fachkräftemangels". Die große Mehrheit der Betriebe sehe dies aber auch als ein "humanitäres Anliegen" an. "Natürlich gibt es auch vereinzelt Vorbehalte. Aber die können häufig ausgeräumt werden, wenn der Flüchtling erst einmal in dem Betrieb angefangen hat. Dann lernt man sich persönlich kennen. Und dadurch wird vieles leichter", berichtet Weitermann.

Die Handwerkskammer Potsdam beteiligt sich an dem bundesweiten Projekt der "Willkommenslotsen" seit April. Die Willkommenslotsen werden kleinen und mittleren Unternehmen vor Ort bei der Integration von Flüchtlingen in die Betriebe zur Seite gestellt. Konkret beraten die Lotsen rund um Fragen zu rechtlichen Rahmenbedingungen, zum verwaltungstechnischen Aufwand, sowie über regionale und nationale Förder- und Unterstützungsangebote sowie Qualifikationsbedarf der Zielgruppe. Darüber hinaus helfen sie, die Willkommenskultur in Unternehmen zu etablieren und weiterzuentwickeln. Zudem unterstützen die Lotsen die Betriebe, die passenden Flüchtlinge für Praktikums-, Ausbildungs- oder Arbeitsplatzangeboten zu finden.

Die Willkommenslotsen sind bei den Handwerkskammern, den Industrie- und Handelskammern, den Kammern der freien Berufe sowie bei weiteren Organisationen der Wirtschaft angesiedelt. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert den Einsatz der Willkommenslotsen. Seit dem Programmstart im März sind bundesweit derzeit etwa 150 Willkommenslotsen im Einsatz. Sie konnten bereits rund 1500 Flüchtlinge an Betriebe vermitteln.

Auch langfristige Einstellungen möglich

Holger Münster ist mittlerweile in einer Autolackierwerkstatt angekommen. Hier will sich der Willkommenslotse ein Bild davon machen, wie sich sein "Schützling" Mohamad Zaher Afara entwickelt. Der 35-jährige Syrer hat bereits in seiner Heimat als Autolackierer gearbeitet. Jetzt absolviert er in der Potsdamer Autowerkstatt ein Praktikum. Die Firmenchefin überlegt, ihn langfristig fest einzustellen. Afara liegt gerade unter einem Auto, als ihn Holger Münster erblickt. Auf Arabisch begrüßt Münster den Flüchtling, die Sprachkenntnisse hat er bei seinem Damaskus-Aufenthalt erworben. Dann unterhalten sich die beiden kurz auf Deutsch. Afara spricht langsam, aber verständlich.

In Kürze wird der Syrer einen Integrationskurs besuchen können. Dann werden sich seine Deutschkenntnisse noch weiter verbessern. "Er ist äußerst fleißig", erzählt Chefin Sandy Noack anerkennend. "So jemanden kann ich gut gebrauchen." Besonders freut sie, dass er sich schon gut in das achtköpfige Team des Autolackierbetriebs integriert hat. "Die Mitarbeiter haben gemeinsam mit Afara schon Fahrgemeinschaften gebildet", berichtet Noack.

Sorgen macht ihr der Fachkräftemangel. Es werde immer schwieriger, gute und zuverlässige Mitarbeiter zu finden. Da komme jemand wie Mohamad Zaher Afara wie gerufen. "Ich bin sehr froh darüber, dass Herr Münster den Kontakt zu ihm hergestellt hat", sagt Sandy Noack.

Positive Erfahrungen machen Schule

Firmen wie die Autolackierwerkstatt oder die Zimmerei sind für Münster "Vorreiterbetriebe". Ihre positiven Erfahrungen sprechen sich schnell herum. Und bringen andere Betriebe dazu, ebenfalls Flüchtlinge zu beschäftigen. Zu den Vorreitern gehört auch ein Sanitätshaus, das Holger Münster als nächstes besucht. Mittlerweile ist es 13 Uhr, das Mittagessen muss der Willkommenslotse wieder einmal verlegen. Geschäftsführerin Marit Kniesche berichtet von immer mehr Kunden aus dem arabischen Raum, die sich im Großraum Berlin niedergelassen haben. Deshalb könne sie sehr gut einen Mitarbeiter mit arabischen Sprachkenntnissen gebrauchen.

Interkulturelle Kompetenz immer wichtiger

Erwartungsvoll schaut Marit Kniesche den Experten der Handwerkskammer an. Holger Münster muss nicht lange überlegen. Ein junger Syrer, der als Goldschmied gearbeitet habe und sich in Deutschland eine neue Existenz in einem anderen Bereich aufbauen wolle, wäre doch vielleicht geeignet. Marit Kniesche gefällt der Vorschlag. "Das wäre schon ideal, jemanden zu haben, der gut mit den Kunden aus diesem Kulturkreis umgehen kann", ist sie überzeugt. "Wichtig ist mir aber, dass man erst einmal testet, ob man zueinander passt. Es muss ja von beiden Seiten harmonieren." Schnell sind sich Marit Kniesche und Holger Münster einig: Der junge Syrer wird in Kürze einen Tag zur Probe arbeiten.

"Ein guter Tag", sagt der Willkommenslotse, als er sich ins Auto setzt um zur nächsten Firma zu fahren. "Es ist einfach ein schönes Gefühl, wenn man sieht, hier finden vielleicht wieder ein Flüchtling und ein Betrieb zusammen."

Montag, 24. Oktober 2016

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