Integration - Deutschland kann das

Sabine Dippold und Siba Wardeh stehen im Pflegeheim vor einem Fenster.
Die Pflege braucht helfende Hände.
Ich helfe gerne mit.

Integration im Gesundheitswesen

Frischer Wind im Seniorenhaus

Porträtfoto von Siba Wardeh.
Siba Wardeh

Ein Lachen dringt in die Stille der Pflegeheimstation. Dann tönt Siba Wardehs fröhliche Stimme vom Speisesaal aus durch die Gänge. Sie bereitet das Frühstück für Herbert Stader vor. Der Heimbewohner schmunzelt, weil die junge Syrerin bei einem deutschen Wort ins Stocken gerät.

Auf Deutsch ist Siba Wardeh noch sehr unsicher, für komplizierte Sätze wechselt sie ins Englische. Zwischendurch helfen freundliche Gesten und Blicke, die Sprachbarriere zu überwinden. Heiter und zufrieden wirkt die junge Frau aus Syrien. Nichts deutet auf die vielen Abschiede der vergangenen Jahre hin – von Freunden, Verwandten und Träumen.

„Wir haben alle
unsere Träume verloren.“
Siba Wardeh findet in Deutschland Sicherheit - und neue Hoffnung.00:43
Siba Wardeh steht vor einem Hafen in Syrien.

Aus Syrien nach Oberfranken

Siba Wardeh hat ihren Heimatort Salamiyah im Oktober 2015 hinter sich gelassen. Und damit auch einen Alltag, bei dem der Blick auf ein Auto am Straßenrand stets mit der Angst verbunden ist, dass darin eine Bombe verborgen sein könnte.

Ihr Mann, Okba Kerdiea, ist bereits seit neun Monaten im Land. Er spricht Deutsch, hat eine Wohnung und arbeitet ehrenamtlich. Mit Hilfe des sogenannten Familiennachzugs kann Kerdiea seine Frau zu sich ins bayerische Hof holen. Seine Erfahrungen erleichtern ihr den Start.

Porträtfoto von Siba Wardeh und Okba Kerdiea.

Im Gepäck nur die Hoffnung

Bei der letzten Umarmung ahnten die beiden nicht, dass es ein Abschied für lange Zeit wird. Im Juni 2014 brach Okba Kerdiea in die Türkei auf, um dort an einem Workshop teilzunehmen. Als Mitarbeiter einer NGO setzte er sich für Demokratie ein, reiste dafür immer wieder ins Nachbarland – und geriet ins Visier des syrischen Regimes. Während seines Aufenthalts in der Türkei wurden mehrere Kollegen verhaftet. Okba Kerdiea war in Syrien nicht mehr sicher. Ohne Hoffnung auf eine Zukunft für sich und seine Frau in der Heimat machte er sich auf den Weg nach Europa.

Mit einem Boot kam er über das Mittelmeer nach Griechenland. Letztlich schaffte er es nach Deutschland und beantragte Asyl. Er hat Deutsch gelernt und sich eingelebt. „Mit Hilfe des Familiennachzugs konnte ich ihn dann endlich wiedersehen“, sagt Siba Wardeh. Insgesamt waren sie mehr als 16 Monate getrennt, bevor auch Wardeh nach Deutschland kommt.

Pflegedienst als Hilfe zum Ankommen

Nur wenige Tage nach ihrer Ankunft in Hof beschließt Siba Wardeh, dass sie möglichst schnell in dem fremden Land, in dem sie nun lebt, ankommen möchte. Die studierte Chemikerin stellt sich im Seniorenhaus „Am Unteren Tor“ in Hof vor. Da es noch eine Weile brauchen wird, bis ihre Studienabschlüsse anerkannt sind, will sie die Zeit möglichst sinnvoll überbrücken und jede Gelegenheit nutzen, besser Deutsch zu lernen. Bei einem ersten Kennenlerngespräch im Seniorenhaus sitzt ihr eine Frau gegenüber, die Neugier zeigt. Und Offenheit.

„Die Chemie stimmte sofort“, erzählt Sabine Dippold über diese Begegnung. Sie leitet das Seniorenhaus "Am Unteren Tor". Trotz Sympathie denkt Dippold aber auch schon an die Hürden für das Engagement. Wie ist es beispielsweise mit der Sprachbarriere? Haben die Mitarbeiter genug Zeit, die junge Freiwillige richtig anzuleiten? Wie reagieren die Senioren? Dippold spricht mit Pflegern, dem Heimbeirat und Angehörigen. „Es gab kritische Stimmen“, erinnert sie sich. „Auch Widerstand.“ Gemeinsam fällt aber letztlich der Entschluss, der jungen Frau eine Chance zu geben. Im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes kann sie sich hier um alte Menschen kümmern.

Porträtfoto von Sabine Dippold.
Siba Wardeh schiebt Herbert Stader im Rollstuhl durch einen Park.
Siba Wardeh backt mit einer Seniorin in der Küche.
»Wir haben uns
gesehen und sofort
verstanden.«
Sabine Dippold
Siba Wardeh steht mit einer Seniorin und einer Pflegeheimmitarbeiterin in der Küche.

Zeit und Zuwendung

„Unsere Heimbewohner erleben Siba als sehr erfrischend“, fasst Sabine Dippold die Wirkung der jungen Freiwilligen zusammen. Es sei Teil der Kultur in Syrien, so Dippold, ältere Menschen zu achten. „In der Pflege haben wir nicht viel Zeit für Gespräche und Zuwendung“, beschreibt Dippold den Alltag. Viele ältere Menschen wünschen sich aber genau das. „Freiwillige wie Siba können Aufmerksamkeit schenken“, sagt Dippold. „Das ist ein Glück für uns und unsere Bewohner.“

Eine Seniorin sitzt im Rollstuhl vor einem Fenster.
„Integration ist ein Muss -
gerade im Pflegebereich.“
So helfen syrische Freiwillige deutschen Senioren.00:40
Eine Seniorin schiebt ihren Rollator im Pflegeheim.

In Deutschland angekommen?

Siba Wardeh hat in Deutschland Kollegen, Freunde und Förderer gefunden. Bei einem Spieleabend beispielsweise macht sie Bekanntschaft mit einer jungen Frau aus der Region, die zur engsten Vertrauten wird. Eine Familie hilft in allen Lebenslagen und gibt viele Ratschläge. Im Gegenzug laden Wardeh und ihr Mann zu einem syrischen Abend mit Essen und Musik ein. Sie stellen den deutschen Freunden ein Land vor, das es nach jahrelangem Bürgerkrieg so nicht mehr gibt.

„Eine tolle Bereicherung für
beide Seiten.“
Im Seniorenhaus ist Integration ein doppelter Gewinn.01:14

Ein halbes Jahr später…

Anfang 2017 haben wir noch einmal nachgehört. Siba Wardeh hat zum Jahresende 2016 ihren freiwilligen Dienst im Heim beendet. Sie steht aber nach wie vor in Kontakt mit Sabine Dippold und einigen Bewohnern. "Für mich war die Zeit im Seniorenhaus wichtig", so Wardeh – ein erster Schritt in Richtung Normalität. Sie weiß jetzt aber auch, dass sie beruflich etwas anderes machen möchte. Am liebsten im Bereich Chemie. "Ich muss beruflich Fuß fassen", so die Syrerin. Wichtig dafür: Sie besucht einen Sprachkurs. Ihr Deutsch wird immer besser. Die Offenheit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die sie erfahren habe, sei entscheidend für ihre Integration, so Wardeh. Sie habe "Ersatzfamilien" in Deutschland gefunden.

Im Seniorenhaus sind derzeit drei syrische Flüchtlinge als Bundesfreiwillige tätig. Zwei Männer und eine Frau. Die Frau wird, sofern ihre Zeugnisse anerkannt werden, ab September 2017 eine Ausbildung zur Altenpflegefachkraft im Seniorenhaus beginnen. "Wir möchten auch in Zukunft Flüchtlingen die Möglichkeit zur Integration bieten. Wir halten an unserem Projekt fest.", zeigt sich Sabine Dippold entschlossen.



Als Chemikerin angekommen

Im Juli 2017 berichtet uns Siba Wardeh, dass es für sie weiter vorangegangen ist. Sie hat einen Sprachkurs auf dem Niveau B2 bestanden und ihr Studienabschluss wird anerkannt. Sie arbeitet als Chemikerin im Labor der Firma Lamilux. "Es gefällt mir super! Alle sind so nett. Der Chef hat mich am ersten Tag mit einem Strauß Blumen begrüßt.", erzählt die Syrerin. Ihr Arbeitgeber unterstützt sie dabei, ihre Deutschkenntnisse weiter zu verbessern und zeigt sich offen für weitere Bewerbungen syrischer Flüchtlinge. Siba und ihr Mann möchten sich ein Auto kaufen, um einfacher zur Arbeit zu kommen. Sie überlegen außerdem, sich eine größere Wohnung zu suchen.

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