Integration - Deutschland kann das

Integrationsprojekt in Dresden

"Musik ist unsere Sprache"

In der "Banda Internationale" musizieren Einheimische und Geflüchtete zusammen. Die Dresdner Musikgruppe zeigt, wie Integration ganz praktisch funktioniert. Hamid Jamshidi und Martin Schulze sind Teil der 21-köpfigen Band.

Probe der Band 'Banda Internationale' mit Martin Schulze und Hamid Jamshidi. Bandprobe mit Martin Schulze (links) und Hamid Jamshidi. Foto: Bundesregierung/Picture Alliance/Thomas Eisenhuth

Hamid Jamshidis Finger bewegen sich flink über die Saiten seiner E-Gitarre, sein Kopf wippt im Takt der Bläser, die auf der Bühne eindeutig in der Überzahl sind. Aber da sind auch noch Tamburin, Cello, Schlagzeug und die orientalische Laute, eine sogenannte Oud. Jamshidi und seine Musikerkollegen von der "Banda Internationale" sind mitten im Konzert.

Der große Mann aus dem Iran überragt sie alle und muss sich trotz seiner Bühnenpräsenz zurücknehmen, damit auch die leiseren Instrumente zu hören sind. Dabei wäre Hamid Jamshidi eigentlich gerne lauter. Sein Herz schlägt für Heavy Metal und Hard Rock – rau und dreckig darf es klingen. Eine Leidenschaft, die ihn im Iran mehrfach ins Gefängnis und sogar in Lebensgefahr brachte.

Gefoltert, weil er Musik macht

"Heavy-Metal-Bands sind im Iran verboten", erzählt der 28-Jährige in fließendem Englisch. "Die Behörden werfen den Musikern Blasphemie oder Satanismus vor. Sie gehen von einer Verletzung des Propheten aus – darauf kann die Todesstrafe stehen."

Immer wieder wurden er und seine damaligen Bandmitglieder wegen ihrer Musik und ihrer politischen Songtexte von der iranischen Sicherheitspolizei verhaftet. "Was ich im Gefängnis erlebt habe, kann sich kaum jemand vorstellen", sagt Jamshidi.

Dann schweigt der Zwei-Meter-Mann, der sonst kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Panikattacken sind bis heute geblieben. Seine letzte Inhaftierung dauerte drei Monate. Nach seiner Entlassung waren die Spuren der Gewalt, die Tritte und Schläge gegen den Kopf, noch deutlich zu sehen.

Alles verloren

"Seit ich in Dresden lebe, kann ich Musik machen, ohne Angst zu haben, dafür zwischen Mördern und Dieben zu landen oder verprügelt zu werden", sagt Jamshidi, der über die Türkei geflohen war und dort ein Schlepper-Boot bestieg. Die kleine Barke sank. Der Iraner und 42 andere Bootsinsassen schwammen vor der griechischen Küste um ihr Leben. Er verlor alles – seinen Rucksack, sein Handy, sein Geld, sogar seine Schuhe. Aber er überlebte.

Seit Oktober letzten Jahres lebt Hamid Jamshidi in Dresden. Als er in den ersten Wochen nach seiner Ankunft im Hof der Erstaufnahmeeinrichtung eine Frau mit einer Gitarre für ein paar Kinder spielen sieht, fragt er sie, ob er das Instrument kurz ausleihen darf. Eine halbe Stunde lang legt er die Gitarre nicht mehr aus der Hand – so glücklich macht es ihn, wieder zu musizieren. Die unbekannte Frau ist begeistert von seinem Können und erzählt ihm von der "Banda Internationale".

Gegründet als Protestkapelle

Die Gruppe, deren Mitglieder aus allen Teilen der Welt kommen, spielt "Heimatmusik". Und da die Musiker in so vielen Ländern zuhause sind, fließen all diese unterschiedlichen Klänge in ihre Lieder ein. Diese Idee kommt an: Im Mai hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Band mit einem Sonderpreis für Projekte zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen ausgezeichnet.

Entwickelt hat sich die "Banda Internationale" aus der "Banda Comunale". Diese Dresdner Band gründete sich 2001 als Protestkapelle. Zehn Mitglieder wollten damals musikalisch gegen Rechtsextremismus protestieren.

Integration ganz praktisch

2015 überlegten sie sich, ihre Band zu erweitern. "Wir wollten Integration ganz praktisch angehen, nicht mehr nur für, sondern mit Geflüchteten zusammen spielen, Lieder entwickeln und Auftritte planen", sagt Martin Schulze, der schon die "Banda Comunale" mitgegründet hatte.

Neue Musiker finden "die Bandas", indem sie Konzerte in Notunterkünften geben und Flyer verteilen. Nach und nach kommen neue Gesichter hinzu. Mittlerweile spielen 21 Musiker zusammen – eine organisatorische Herausforderung.

"Wir mussten uns zunächst annähern, weil wir musikalisch alle auf einem unterschiedlichen Level waren", sagt Posaunist Schulze. "Zugleich gilt es, sprachliche Hürden zu überwinden und verschiedenen Wünschen gerecht zu werden – das ist ein andauernder Prozess."

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Musiker Martin Schulze sitzt im Probenraum und spielt sich an seiner Posaune warm. Martin Schulze, Mitgründer der „Banda“, will Integration ganz praktisch angehen - mit Musik. Foto: Bundesregierung/Picture Alliance/Thomas Eisenhuth

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Hamid Jamshidi übt auf seiner E-Gitarre für die Proben. Hamid Jamshidi kam im Iran für seine Liebe zur Musik mehrfach ins Gefängnis. Foto: Bundesregierung/Picture Alliance/Thomas Eisenhuth

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Bandmitglieder sitzen sich mit ihren Instrumenten im Kreis gegenüber. In der „Banda“ musizieren Einheimische und Geflüchtete zusammen. Foto: Bundesregierung/Picture Alliance/Thomas Eisenhuth

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Zwei Musiker spielen gemeinsam ein Musikstück. „Unsere gemeinsame Sprache ist die Musik“, so Martin Schulze. Foto: Bundesregierung/Picture Alliance/Thomas Eisenhuth

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Zwei Band-Mitglieder sitzen im Probenraum und beraten sich während der Probe. Bei den Proben wird viel diskutiert, meist auf Deutsch oder Englisch. Foto: Bundesregierung/Picture Alliance/Thomas Eisenhuth

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Drei Musiker sitzen nebeneinander und stimmen ihre Instrumente aufeinander ab. Um neue Lieder zu entwickeln, ziehen alle an einem Strang. Foto: Bundesregierung/Picture Alliance/Thomas Eisenhuth

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Notenständer, Instrumente und die Musikergruppe füllen den ganzen Probenraum aus. „Banda Internationale“ ist gelebte Integration - die 21 Musiker kommen aus über zehn Ländern. Foto: Bundesregierung/Picture Alliance/Thomas Eisenhuth

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Zwei Musiker beugen sich über ihre Instrumente unterhalten sich angeregt. Durch die regelmäßigen Proben sind bereits viele Freundschaften entstanden. Foto: Bundesregierung/Picture Alliance/Thomas Eisenhuth

Demokratie dirigiert das Orchester

Eigentlich sei ihr Projekt gelebte Demokratie und gelebte Integration. Um Lieder zu entwickeln und gemeinsam zu proben, sollten alle an einem Strang ziehen. Damit das funktioniert, wird viel diskutiert – meist auf Englisch oder Deutsch. Am Ende gilt zumeist die Mehrheitsentscheidung.

Die Musiker überlegen auch, wie viele neue Mitspieler die Band noch aufnehmen kann, damit das Projekt weiterhin funktioniert. "Gleichzeitig haben einige der bereits hinzugekommenen Musiker Angst, neue Mitglieder könnten ihnen den Rang ablaufen", so Martin Schulze. "Absurderweise führen wir damit im Kleinen die gleichen Diskussionen, die in Deutschland und Europa in Bezug auf Geflüchtete geführt werden."

In der "Banda Internationale" treffen unter anderem Syrer, Kurden, Iraker, Palästinenser und Deutsche aufeinander. "Wir lernen uns als Individuen mit persönlichen Geschichten kennen und profitieren auf vielen Ebenen voneinander. Vorgefertigte Meinungen zu Nationalitäten oder Religionen werden so schnell hinfällig – oder eben ausdiskutiert", berichtet Martin Schulze, der als Musikpädagoge die Aufgaben der Band mitkoordiniert. "Unsere gemeinsame Sprache ist letztlich die Musik."

"Ich ecke regelmäßig an"

Auch Hamid Jamshidi muss sich oft der Mehrheit beugen und die rockigen Töne zugunsten der Allgemeinheit etwas zurückschrauben. "Ich ecke regelmäßig an, weil ich sehr direkt bin", sagt der Autodidakt, der neben Gitarre auch Bass spielt.

"Es nervt mich beispielsweise, dass es mit so vielen Personen häufig unorganisiert abläuft. Doch bisher konnten wir jeden Streit innerhalb der Banda klären." Um seiner Rock-, Metal- und Blues-Leidenschaft genug Futter zu geben, hat Jamshidi bereits weitere Musikprojekte angestoßen.

Auch außerhalb der Musik ein Team

Doch die Banda war sein erster musikalischer Anlaufpunkt in Dresden und ist deshalb nach wie vor wichtig für ihn. "Hier sind Freundschaften entstanden. Wir helfen uns untereinander", sagt er.

So haben die Bandkollegen sich etwa dafür stark gemacht, dass Hamid Jamshidi seit diesem Jahr als Gasthörer an der Hochschule für Musik eingeschrieben ist. Regelmäßig setzen sich die deutschen Mitglieder zudem dafür ein, dass ihre Kollegen in Dresden bleiben können und nicht auf andere Städte in Deutschland verteilt werden. Außerdem unterstützen sie bei Gängen zum Amt und regeln bürokratische Aufgaben.

Musik ist Freiheit

Wie es für Hamid Jamshidi weitergeht, ist noch nicht klar. Sein Asylantrag, den er vor rund einem Jahr gestellt hat, wird noch geprüft. "Es ist eine Geduldsprobe", sagt der Rockmusiker, der gerade fleißig Deutsch lernt.

Zwar vermisse er seine Heimat, seine Mutter und seine beiden Schwestern, aber er weiß auch, dass er nicht zurück in den Iran kann: "Die Sicherheitspolizei würde mich wieder einsperren. Und seit ich im Gefängnis saß, gibt mir dort niemand mehr einen Job. Wie und ob es für mich in Deutschland eine Zukunft gibt, weiß ich nicht. Aber ich wünsche es mir. Denn hier kann ich meine Musik machen – das bedeutet für mich Freiheit."

Montag, 15. August 2016

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