Integration - Deutschland kann das

Flüchtlinge auf dem Land

Integration auf dem kurzen Dienstweg

In dörflichen Gemeinden gibt es keine großen Verwaltungsapparate, die die Integration der Flüchtlinge begleiten. Vieles hängt vom Engagement Einzelner ab. Das Beispiel Worpswede zeigt, dass das kein Nachteil sein muss – solange alle an einem Strang ziehen.

Bürgermeister Stefan Schwenke (Mitte), Ingo Kranz (links, Leiter des Sozialamts) und Birgit Dohrmann (rechts, Mitarbeiterin des Sozialamts) Immer ansprechbar: Bürgermeister Schwenke (Mitte) mit Ingo Kranz und Birgit Dohrmann vom Sozialamt. Foto: Worpswede

Worpswede in Niedersachen: Hier kommen auf 9.000 Einwohner 140 Flüchtlinge – eine überschaubare Zahl. Das bietet die Chance, die Flüchtlinge möglichst individuell zu betreuen. Die Mitarbeiter der Gemeinde sind aber schon mit dem "regulären Geschäft" ausgelastet. Damit die Betreuung der Flüchtlinge trotzdem gut funktioniert, hat Bürgermeister Stefan Schwenke eine zusätzliche befristete Stelle geschaffen.

Jascha Mangels, Kultur- und Sprachwissenschaftler, hat diese wichtige Aufgabe als "Integrationsmanager" übernommen. Zuvor hat er im nahen Bremen die Erstaufnahme von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen betreut. Mit ihm haben die Flüchtlinge einen konkreten Ansprechpartner im Worpsweder Rathaus.

"Niemand muss hier wochenlang auf einen Termin warten. Selbst wenn jemand einfach vorbeikommt, kann meistens das Anliegen sofort hier im Rathaus geklärt werden. Wir haben hier kurze Dienstwege, das ist der große Unterschied zur Stadt", erklärt Mangels.

Praktische Lösungen, weil man miteinander spricht

In Worpswede arbeiten Gemeinde und Flüchtlingsinitiative eng zusammen. Gut hundert Ehrenamtliche engagieren sich als Paten, bieten Kinderbetreuung oder Nachhilfe beim Deutschlernen an. Andere spenden aus ihrem Hausrat für Wohnungseinrichtungen oder ein Fahrrad.

Regelmäßig sitzen die Mitarbeiter der Abteilung Sozialwesen mit den Ehrenamtlichen der Flüchtlingsinitiative zusammen. Sie besprechen gemeinsam, welche dringenden Probleme anstehen, und wie in jedem Einzelfall zu helfen ist.

Völlig neue Anforderungen

Für die Integration von Flüchtlingen gibt es kein Formular. Für einzelne Leistungen, die man beantragen kann oder muss, allerdings schon. Hier den Durchblick zu bewahren, ist auch für die Ehrenamtlichen nicht ganz einfach. Denn sie sind die ersten, die den Flüchtlingen dabei helfen, sich auf den Wegen durch die Ämter zurechtfinden: Asylleistungen beantragen, Arztbesuche organisieren, Einschulung, Kindergartenplatz nachfragen, Unterkünfte und Wohnungen suchen.

"Viele Menschen bei uns, die den Flüchtlingen helfen, erfahren zum ersten Mal in ihrem Leben, wie mühsam es ist, das zu bekommen, was sie für sich ziemlich selbstverständlich haben: ein Dach über dem Kopf, Kleidung, Geld zum Einkaufen". So beschreibt Mangels die Erfahrung der Ehrenamtlichen in Worpswede.

Bessere Zusammenarbeit nötig

Auch die Verwaltung musste sich erst auf die neue Situation einstellen. Es gab für die Betreuung von 140 Flüchtlingen keine eingespielten Verwaltungsabläufe. Zudem wechselt die Zuständigkeit an das Jobcenter, wenn über den Aufenthaltsstatus der Flüchtlinge entschieden ist. Über Leistungen zum Lebensunterhalt sowie Maßnahmen zur Integration in den Arbeitsmarkt entscheiden nun andere.

Auch hier mussten Gemeinde und Jobcenter zunächst einen Weg für eine möglichst effiziente Zusammenarbeit finden. Ingo Kranz, Leiter der Abteilung Sozialwesen, drückt es so aus: Es gehe um "140 Fälle mit komplexer Problemlage".

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Leiter der Sozialabteilung Ingo Kranz sucht für das Kind von Zirek Ibrahim-Rauf einen Krippenplatz. „Bufdi“ Nizar Hamad dolmetscht. Ein Flüchtlingskind braucht einen Krippenplatz. Ingo Kranz (r.) kümmert sich darum. Foto: Worpswede

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Bürgermeister Stefan Schwenke spricht mit Ingo Kranz, Birgit Dohrman und Dolmetscher Nizar Hamad. Teambesprechung im Rathaus: Bürgermeister Schwenke mit Ingo Kranz (l.) und Birgit Dohrman von der Gemeindeverwaltung sowie Dolmetscher Nizar Hamad. Foto: Worpswede

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Gruppenfoto der Flüchtlingshilfe Worpswede vor dem Haus der Kirchengemeinde. In Worpswede arbeiten Flüchtlingshilfe und Gemeindeverwaltung eng zusammen. Foto: Worpswede

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Rathaus Worpswede Im Rathaus Worpswede musste man sich auf die Betreuung von 140 Flüchtlingen einstellen. Foto: Bundesregierung/Davids

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Landstraße in Worpswede Worpswede ist ländlich geprägt. Für die Betreuung der Flüchtlinge ist das kein Nachteil. Foto: Bundesregierung/Davids

"Die Ehrenamtlichen sind das Fundament"

In Worpswede war man sich von Anfang an einig: "Wir wollen eine friedliche Gemeinde bleiben, ohne Übergriffe oder brennende Unterkünfte", so Ute Jung. Sie rief vor einigen Jahren die Worpsweder Flüchtlingsinitiative ins Leben. Abteilungsleiter Kranz bestätigt: "Weihnachten 2013 haben wir uns zum ersten Mal alle zusammengesetzt. Die Ehrenamtlichen, die Pfarrer, der Bürgermeister und wir aus dem Rathaus, um zu überlegen, wie wir das schaffen können."

Seitdem packen alle gemeinsam an. Und weil jeder in der Gemeinde Worpswede einen kennt, der helfen könnte, werden auch Arbeitsplätze oder Praktika auf diesem Weg vermittelt. "Ohne Ehrenamtliche wäre das alles nicht zu stemmen", so Kranz. "Sie sind das Fundament, auf dem das Rathaus steht."

Ein Gewinn für Worpswede

Auch wenn sie für die Gemeinde Kosten und zusätzliche Arbeit bedeuten – "die Flüchtlinge sind ein großer Baustein in unserer Gemeinde. Sie bringen viel positive Energie", sagt Kranz. Sie bewegen die Worpsweder dazu, sich zu engagieren. Die Flüchtlinge versuchen ihrerseits, sich zu revanchieren, wo immer sie können. Sie helfen zum Beispiel als Dolmetscher und Integrations-Botschafter für Neuankömmlinge.

"Einige Flüchtlinge waren zuerst enttäuscht, in einem kleinen Ort wie Worpswede zu landen. Mittlerweile wollen sie sehr gerne hierbleiben. Sie erleben hier, dass Worpswede es ernst meint mit der Integration", berichtet Mangels aus seinen Gesprächen mit den "Neubürgern". Kranz ist davon überzeugt, dass sich die Integration auch finanziell rechnet: "Die Flüchtlinge wollen und können arbeiten. Sie werden dann alles zurückgeben können, als Arbeitskräfte und Steuerzahler."

Worpswede ist eine Gemeinde mit gut 9.000 Einwohnern. Überregional ist der Ort bekannt als "Künstlerdorf". Um 1900 zog es Maler und Schriftsteller in die raue und ursprüngliche Gegend, die durch die Torflandschaft vom Teufelsmoor geprägt ist. Es gibt nur einen kleinen Ortskern, die Häuser liegen teilweise weit auseinander. Schulen, Kindergärten, die Nachbarorte sowie die Kreisstadt Osterholz und die Stadt Bremen sind mit Busverbindungen gut zu erreichen.

Montag, 13. Februar 2017

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