Integration - Deutschland kann das

Integration in der Freizeit

Sport verbindet uns am meisten

Die Organisation "Chancen Gestalten" hat sich zum Ziel gemacht, junge Flüchtlinge mit Einheimischen in Kontakt zu bringen. Sie sollen ihnen als Mentoren zur Seite stehen und beim Einleben in Deutschland helfen. Der Iraker Ramiz Rashid trifft sich mit seinem Mentor Michel Ragotzky am liebsten auf einem Bolzplatz in Berlin-Kreuzberg.

Zwei Männer und zwei Frauen am Esstisch Michel Ragotzky und Ramiz Rashid treffen sich im Rahmen ihrer Mentoring-Partnerschaft fast wöchentlich zu gemeinsamen Unternehmungen Foto: Judith Affolter

Ramiz spielt leidenschaftlich gern Fußball. 2016 floh er aus dem Nordirak alleine nach Deutschland. Heute ist Berlin sein neues Zuhause. "Ich mag Berlin. Hier ist es sehr international", sagt Ramiz. Der 19-Jährige geht in die neunte Klasse der Max-Bill-Schule. Dort absolviert er einen berufsqualifizierenden Lehrgang. Im örtlichen Fußballverein SG Nordring hat er längst als Stürmer Fuß gefasst. Im Juni 2018 lernte Ramiz schließlich Michel kennen – 21, Student an der Freien Universität Berlin. "Michel ist mein erster Freund in Deutschland", sagt er und lächelt.

Mentoring auf Augenhöhe

Möglich gemacht hat das die Organisation "Chancen Gestalten", die es seit 2017 in Berlin gibt. „Wir wollen, dass geflüchtete Jugendliche mit Ortsansässigen in Kontakt kommen können“, erklärt Bianca Metzner, die Gründerin und Leiterin des Berliner Standorts. Chancen Gestalten arbeitet eng mit Schulen zusammen und wendet sich an Jugendliche aus Willkommensklassen.

Ein Jahr lang werden die Flüchtlinge eins-zu-eins von ehrenamtlichen Mentoren begleitet. Wie genau ihre Mentoring-Beziehung aussieht, entscheiden die Beteiligten selbst. "Wichtig ist uns vor allem, dass die Mentoring-Beziehungen auf Augenhöhe stattfinden", so Metzner. Während manche Tandems zusammen Hausaufgaben besprechen, stehen bei anderen Freizeitaktivitäten im Mittelpunkt. Auch dafür bietet Chancen Gestalten einen festen Rahmen: Ein Eventteam organisiert zum Beispiel Kochabende und Radtouren. Das sorge für ein ganz besonderes Gemeinschaftsgefühl, berichtet Mentor Michel.

Direkt auf einer Wellenlänge

"Beim Kennenlernen war Ramiz tatsächlich der Erste, mit dem ich gesprochen habe", erinnert sich Michel. "Das Eis war bei uns sehr schnell gebrochen." Auf Basis von persönlichen Interviews und der Steckbriefe, die sie vorher ausgefüllt hatten, wurden Michel und Ramiz einander zugeteilt. "Danach war es ein Selbstläufer", sagt Michel. Gemeinsame Treffen mit anderen Mentoring-Tandems folgten. Seitdem unternehmen die beiden fast jede Woche etwas miteinander. "Und auf WhatsApp schreiben wir uns sowieso jeden Tag", fügt Ramiz hinzu.

Michel teilt Ramiz große Begeisterung für den Fußball. "Auch wenn ich manchmal lieber zugucke", grinst Michel, "Sport ist das, was uns am meisten verbindet." Sie treffen sich zum Fußball, Volleyball oder gehen schwimmen. Außerdem sind die beiden gerne zusammen in der Hauptstadt unterwegs und zeigen sich ihre Lieblingsorte und -restaurants. Ramiz hat bereits einige Freunde von Michel kennengelernt.

2018-09-19-chancen

Den anderen kennenlernen

Michel kommt aus einem kleinen Ort in Hessen. Seit einem Jahr studiert er in Berlin Politikwissenschaft und Biologie auf Lehramt. Zu Beginn seines Studiums war ihm klar: Er will sich gesellschaftlich einbringen. Über einen Facebook-Post wurde er auf Chancen Gestalten aufmerksam. "Klar braucht es auch Mut, sich darauf einzulassen", sagt Michel heute. "Aber ich kann es nur empfehlen. Ich weiß nicht, wie ich Ramiz sonst kennengelernt hätte."

Die Freundschaft mit Ramiz erweitere seinen Horizont. Ramiz erzähle ihm viel über sein Leben im Nordirak. Über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu seinem Leben hier in Deutschland, so Michel. Bei allen kulturellen Verschiedenheiten stellen die beiden aber bei vielen Dingen immer wieder fest: "Es macht gar keinen so großen Unterschied, ob man in der osthessischen Provinz aufgewachsen ist oder im Nordirak."

Deutsch lernen, Fußballprofi werden

Für Ramiz sind die Treffen mit Michel eine wichtige Gelegenheit, auch außerhalb der Schule Deutsch zu sprechen. Über seine Fortschritte freut sich Michel mit ihm: "Es ist schön zu sehen, wie selbst in der kurzen Zeit, die wir uns kennen, Ramiz’ Deutsch deutlich besser geworden ist." Vor allem aber hat Ramiz in Michel einen Freund gefunden, an den er sich mit allen Fragen wenden kann. Beide vertrauen sich. "Es fühlt sich an, als würden wir uns schon viel länger kennen", erzählt Michel. Ramiz nickt zustimmend.

Ramiz will im kommenden Schuljahr seinen mittleren Schulabschluss machen. Darauf soll eine Ausbildung folgen. Doch am allerliebsten würde Ramiz sich seinem großen Hobby auch beruflich widmen: "Mein Traum ist es, professioneller Fußballspieler bei Hertha BSC zu werden", verrät er. Zuerst wollen Ramiz und Michel aber zusammen zu einem Spiel von Hertha BSC im Berliner Olympiastadion gehen – als Zuschauer.

Chancen Gestalten bringt seit 2015 junge Flüchtlinge mit gleichaltrigen Einheimischen zusammen. Mehr als 480 Mentoring-Beziehungen hat die Organisation deutschlandweit vermittelt, an fünf Standorten. Etwa 50 Mentoring-Beziehungen gibt es in Berlin. Standortleiterin Bianca Metzner sucht weitere Mentoren. Die Mentoren bereiten sich in Seminaren vor, unter anderem zu interkultureller Kompetenz und Asylrecht. Professionell ausgebildete Koordinatoren kümmern sich um mehrere Mentoren. Bis auf einen fest Angestellten und einen Werkstudenten stemmen ausschließlich Freiwillige die Arbeit von Chancen Gestalten, darunter viele Studierende. Die Organisation finanziert sich über Fördergelder und Privatspenden.

Donnerstag, 04. Oktober 2018

Ergänzende Informationen

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