Integration - Deutschland kann das

Grütters-Interview

Berlin: Platz für Kunst der Moderne schaffen

Die Berliner Museumsplanung, die Digitalisierung des Kulturerbes, das Urheberrecht und die Provenienzforschung - das sind die Themen, zu denen sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung äußert.

Das Interview im Wortlaut:

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ): Frau Grütters, im März haben Sie für Wirbel gesorgt mit Ihrer Ankündigung, die Berliner Museumsplanung noch einmal neu prüfen zu wollen. Das jüngste Projekt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ein Neubau für die Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts am Kulturforum, steht damit wieder in Frage. Ihre große Lösung heißt Neubau für die Alten Meister am Kupfergraben, geschätzte Mehrausgaben: 375 Millionen Euro. Wie wollen Sie diese Investition dem Bundestag plausibel machen?

Monika Grütters: Ich bleibe eine Anhängerin der Idee, die Kunst der Staatlichen Museen langfristig nach dem Sammlungskontext zu ordnen, also die Malerei von der frühen Neuzeit bis ins neunzehnte Jahrhundert an die Museumsinsel zu verlagern, wo sie hingehört. Aktuell ist es mir aber wichtig, Platz für die Sammlung des zwanzigsten Jahrhunderts zu schaffen. Die notwendige Ausstellungsfläche muss am Kulturforum geschaffen werden, weil dort die Klassische Moderne konzentriert werden soll. Dank der Variantenuntersuchung des Bundesamts für Bauwesen und Raumordnung wissen wir nun, über welche Summen wir sprechen. Es ist schwer genug, im Bundestag dafür zu werben, denn zusätzlich kämpfen wir auch noch mit den enormen Kosten vieler Sanierungsvorhaben. Im kommenden Jahr sind wegen dringender Sanierungsmaßnahmen gleich drei wichtige Häuser von Schließungen betroffen, die Neue Nationalgalerie schließt zeitweise ganz, das Pergamonmuseum und das Museum Berggruen teilweise.

FAZ: Was beträchtliche Einnahmeeinbußen für die Staatlichen Museen bedeutet.

Grütters: Es bedeutet leider auch ein deutlich verringertes Angebot für die Besucher aus Deutschland und aller Welt. Aber die Gebäude sind eben in einem stark renovierungsbedürftigen Zustand. Außerdem entsteht gerade die James-Simon-Galerie, das neue Eingangsgebäude zur Museumsinsel. In dieser Situation dafür zu werben, zusätzlich Geld für Neubauten herzugeben, ist eine Herkulesaufgabe. Ich sehe aber genau das als meine Pflicht an. Es ist ein Armutszeugnis, dass wir von der Kunst des zwanzigsten Jahrhunderts, die in Deutschland vor allem in Berlin maßgeblich Akzente gesetzt hat, von Beckmann, Grosz, Dix bis hin zu Beuys, heute nicht einmal zwanzig Prozent zeigen können. Das ist ein unhaltbarer Zustand.

FAZ: Dann wären am Kulturforum die Klassische Moderne und die Alten Meister für absehbare Zeit Nachbarn, verbunden durch das Kupferstichkabinett, das sowohl klassische als auch moderne Kunst sammelt. Was spricht eigentlich gegen diese Konstellation? Die Museumsinsel als Ort für die skulpturalen Künste und das Kulturforum für die Malerei, das wäre doch ein schlüssiges Konzept.

Grütters: Die Sortierung der Sammlungsbestände nach Sparten ist nicht Sache der Politik. Das müssten die Museumsverantwortlichen entscheiden. Meine Sorge gilt zunächst der Kunst der Moderne. Sie wissen, dass es auch um spektakuläre Privatsammlungsbestände geht, die uns angeboten wurden. Voraussetzung dafür sind aber entsprechende Ausstellungsflächen.

FAZ: Beim Humboldt-Forum wollen Sie so rasch wie möglich einen Intendanten für das Gesamtprojekt finden. Was könnte der denn besser machen als der bisherige Agora-Beauftragte Martin Heller?

Grütters: Ein Intendant kann anders auftreten als die im Moment agierenden Vertreter der drei im Humboldt-Forum beheimateten Institutionen. Die vertreten natürlich ihre Partikularinteressen. Dennoch kommen die Humboldt-Universität und auch die Zentral- und Landesbibliothek in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vor. Und die Agora schon gar nicht. Das Humboldt-Forum soll ja ausdrücklich nicht nur museale Fläche sein. Deshalb ist es wichtig, eine Person zu berufen, die das große Ganze kommuniziert. Im Moment sind wir dabei, den Innenausbau zu konzipieren, der für die künftige Gestaltung den Rahmen vorgibt. Es ist an der Zeit, die Gesamtverantwortung zu regeln.

FAZ: Welche Befugnisse kann diese Person gegenüber den bisherigen Partnern haben? Es geht ja hier auch um Macht.

Grütters: Tatsächlich ist die Organisation der Verantwortung eine Herausforderung. Aber im Moment ist es so, dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die ja nicht nur ihre fünfzehn Museen, ihre Bibliotheken und Sammlungsbestände, sondern auch noch zwölf Baustellen zu beaufsichtigen hat, die Entwicklung des Humboldt -Forums mit den vorhandenen Mitteln nicht allein schultern kann. Die große Idee, die außereuropäischen Kulturen nicht ausschließlich aus einem eurozentrischen Blickwinkel zu beleuchten, erfordert ganz andere Steuerungsmechanismen.

FAZ: Hat nicht die Idee des Humboldt-Forums, wie sie derzeit kommuniziert wird, etwas allzu sehr Belehrendes? Der Welt die Welt erklären — das klingt irgendwie nach der alten Parole, am deutschen Wesen solle die Welt genesen.

Grütters: Alexander von Humboldt selbst fand, am schlimmsten sei die Weltanschauung derer, die die Welt nicht angeschaut haben. Tatsächlich geht es um ein neuartiges Weltverständnis, darum, dass die Kulturnation Deutschland einlöst, was sie mit der kulturellen Nutzung dieses zentralen Platzes in der Hauptstadt in Aussicht gestellt hat. Wir werden viel mehr über uns selbst erfahren, als mit erhobenem Zeigefinger den anderen die Welt zu erklären. Wie viel können wir lernen, wenn wir über unseren eigenen Horizont hinaus die großen Menschheitsthemen beleuchten, Fragen nach Leben und Tod, die Bedeutung der Religion oder das Phänomen der Migration. Jeder von uns macht immer wieder Diaspora-, also Minderheitenerfahrungen - gerade in ethnisch gemischten, kosmopolitischen Städten wie Berlin. Es gibt ganz wenige Orte auf der Welt, an denen diese Erfahrungen aufgehoben sind. Zu diesen Orten gehören die Museen. Hier bist du Weltbürger, hier kannst du es sein. Diesem Geist verdankt sich das Humboldt-Forum. Wir müssen endlich die Herzen dafür gewinnen.

FAZ: Die Berliner Zentral- und Landesbibliothek war bei den Planungen immer ein Fremdkörper. Sie haben angedeutet, dass Sie mit dem Land Berlin darüber verhandeln wollen. Was können Sie im Gegenzug anbieten? In den kommenden Jahren muss ein neuer Hauptstadtkulturvertrag ausgehandelt werden. Vielleicht findet sich darin eine Lösung?

Grütters: Die Verhältnisse sind eigentlich ganz klar: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Humboldt-Universität und die Zentral- und Landesbibliothek sind als Nutzer festgelegt. Jede Veränderung zum jetzigen Zeitpunkt würde viel Geld kosten. Wenn Berlin hier andere Pläne hätte, wäre das Land dafür verantwortlich. Wir planen also weiter mit der ZLB. Am Jahresende ist der Rohbau fertig, das Nutzungskonzept muss dann stehen.

FAZ: Ein anderes dringendes Problem ist die Digitalisierung des Kulturerbes. Viel Geld scheint dafür nicht da zu sein: Der Bund gibt ein paar Millionen, die Länder legen ein paar Millionen drauf, währenddessen digitalisiert Google die Bibliotheksbestände der Welt. Sollte man sich nicht wenigstens an der Kulturnation Frankreich ein Beispiel nehmen?

Grütters: Den Vergleich mit anderen Ländern, auch mit Frankreich, müssen wir nicht scheuen. In den Zentraleinrichtungen wie der Europeana, in die beide Länder etwas geben, finanzieren wir einen großen Anteil. Aber es ist evident, dass man viel mehr Geld brauchte, um unser Kulturerbe vor dem Verfall zu sichern. Drängender ist aber der Zeitverzug beim Filmerbe, denn die klassischen Trägermedien, die Filmrollen, verfallen buchstäblich. Es gibt spektakuläre Restaurierungen, "Caligari" oder "Metropolis", aber das sind nur Einzelprojekte, um der Öffentlichkeit zu zeigen, was auf dem Spiel steht.

FAZ: Beim Urheberrecht erleben wir gerade das Duell der Giganten Sony und Youtube in Deutschland. Andererseits gibt es die vielen kleinen Künstler, Literaten, Journalisten, die auf den Gesetzgeber angewiesen sind. Wie kann der Bund ihre Interessen schützen und zugleich die Offenheit des Internets gewährleisten?

Grütters: Wir müssen beim Urheberrecht, beim sogenannten "Dritten Korb", in dieser Legislaturperiode weiterkommen. Mein Interesse ist es, beim Zusammenspiel zwischen Urhebern, Verwertern und Nutzern dafür zu sorgen, dass Kreative auch künftig von ihrer Leistung leben können. Die Nutzer sollten wir weniger sanktionieren als sensibilisieren für einen angemessenen Umgang mit kreativen Inhalten im Netz. Über alldem steht die Frage: Welche Werte gelten in der digitalisierten Welt? Wie wollen wir Rechte und Freiheiten so formulieren, dass sie auch in der virtuellen Welt Geltung erlangen? Wir dürfen uns nicht im Rausch des technisch Machbaren erschöpfen und dabei die anderen Fragestellungen beiseiteschieben.

FAZ: Wie zufrieden sind Sie mit dem Urteil zum Welfenschatz?

Grütters: Ich bin der Limbach-Kommission dafür dankbar, dass sie sich in diesen hochkomplexen Fall so eingearbeitet hat, dass sie zu einem eindeutigen Ergebnis kommen konnte. Ganz wichtig ist, dass wir uns immer wieder klarmachen, dass es bei der Umsetzung der Washingtoner Prinzipien um faire und gerechte Lösungen in jedem spezifischen Fall geht. Es entsteht manchmal der Eindruck, als ginge es vor allen Dingen um Restitution. Auch der Verbleib kann aber eine faire und gerechte Lösung sein.

FAZ: Glauben Sie, wie es manche Kommentare suggerieren, dass die Limbach-Kommission anders entschieden hätte, wenn auch Vertreter der Jewish Claims Conference darin gesessen hätten?

Grütters: Das ist reine Spekulation. Aber ich bin offen dafür, die Limbach-Kommission um Personen mit jüdischem Hintergrund zu erweitern, damit gar nicht erst der Verdacht aufkommt, dieses hochrangig besetzte Gremium habe einen wesentlichen Aspekt fehlgedeutet. Die Limbach-Kommission hat in den zurückliegenden Fällen ganz unterschiedliche Empfehlungen abgegeben und dabei auch häufig die Rückgabe empfohlen.

FAZ: Gilt dieser personelle Aspekt auch für das "Zentrum Kulturgutverluste", mit dem Sie die Provenienzforschung in Deutschland koordinieren wollen?

Grütters: Ich habe ausdrücklich vorgesehen, einschlägige Gremien auch mit Vertretern jüdischer Organisationen oder mit entsprechend jüdischem Hintergrund zu besetzen. Die Bundesmittel werden im laufenden Haushaltsjahr 2014 von zwei auf vier Millionen Euro verdoppelt. Die Länder geben 358 000 Euro für Stellen bei der Arbeitsstelle für Provenienzforschung. Was mir bei dem Thema ganz wichtig ist: dass es bei all diesen Fragen nicht nur um den finanziellen Ausgleich geht, sondern immer und vor allem um die Anerkennung der Opferbiographien. Dieses unermessliche Leid dürfen wir nicht reduzieren auf den materiellen Aspekt.

Das Interview führte Andreas Kilb für die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Mittwoch, 16. April 2014

INTEGRATION - WIR SIND DABEI.

Lernen Sie Menschen kennen, die bei der Integration von Flüchtlingen helfen. Lesen Sie, wie sich Flüchtlinge in unsere Gesellschaft integrieren.

ZU DEN RE­POR­TA­GEN

INITIATIVEN, DIE INTEGRATION MÖGLICH MACHEN

Finden Sie hier Integrationsprojekte in Ihrer Nähe, bei denen Sie mitmachen können. Oder holen Sie sich Anregungen für eigenes Engagement.

PROJEKTKARTEPROJEKTLISTE

INTEGRATION - WIR SIND DABEI.

Lernen Sie Menschen kennen, die bei der Integration von Flüchtlingen helfen. Lesen Sie, wie sich Flüchtlinge in unsere Gesellschaft integrieren.

ZU DEN RE­POR­TA­GEN

INITIATIVEN, DIE INTEGRATION MÖGLICH MACHEN

Finden Sie hier Integrationsprojekte in Ihrer Nähe, bei denen Sie mitmachen können. Oder holen Sie sich Anregungen für eigenes Engagement.

PROJEKTKARTEPROJEKTLISTE

INHALTE TEILEN