Integration - Deutschland kann das

Integration auf dem Lande

Flüchtlinge richten Fahrradwerkstatt ein

Ein Fahrrad ist für das Leben auf dem Land unentbehrlich. Für den Arbeitskreis Integration in Hoetmar stand deshalb schnell fest: Jeder Flüchtling im Dorf bekommt eins. Doch was, wenn das Fahrrad einmal kaputt ist? Der Arbeitskreis hat aus der Not eine Tugend gemacht und eine Werkstatt eröffnet - ein Integrationsprojekt, unterstützt vom Bundesprogramm "500 Landinitiativen". Detlef Rosenbach hatte die Idee dazu und berichtet im Interview von seinen Erfahrungen.

Detlef Rosenbach mit seinem Team in der Fahrradwerkstatt. Detlef Rosenbach (2.v.l.) hat die Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge gegründet. Foto: Stephan Ohlmeier

In Hoetmar (Nordrhein-Westfalen) leben seit 2015 rund 70 Flüchtlinge. In dem Dorf mit 2300 Einwohnern kommt wochentags der letzte Bus kurz vor 19 Uhr an. An Wochenenden und Feiertagen fährt ein Sammeltaxi. Die Einheimischen erledigen viel mit dem privaten Auto. Doch welche Lösung gab es für die Flüchtlinge, Herr Rosenbach?

Detlef Rosenbach: Uns war von Anfang an klar, dass die Flüchtlinge, wenn sie Kurse belegen, in Ausbildung und Arbeit integriert werden sollen, auch mobil sein müssen. Deshalb wurden alle Flüchtlinge bei uns im Dorf von Anfang an mit Fahrrädern ausgestattet. Natürlich ging auch das eine oder andere Teil an den Fahrrädern mal kaputt, insbesondere weil nicht alle pfleglich damit umgingen.

Also stellte sich die Frage, wie und mit welchen Mitteln die Fahrräder repariert werden konnten?

Ja, zunächst konnte ein gelernter Landmaschinenschlosser aus dem Dorf gewonnen werden, die Fahrräder zu reparieren. Schnell war die Idee geboren, dass sich die Flüchtlinge selber an den Reparaturen beteiligen. Doch das war gar nicht so einfach: Verständigungsprobleme und unterschiedliche Erwartungen trafen aufeinander. Mit einfachen Worten gesagt: Es klappte nicht. Und damit war die Idee fürs Erste vom Tisch.

Das Problem, wie die Fahrräder repariert werden konnten, gab es dann aber immer noch.

Dann hatten wir die Idee einer eigenen Fahrradwerkstatt, in der die Flüchtlinge ihre Fahrräder selber reparieren. Wir haben die Idee mit den Flüchtlingen besprochen und einige waren sofort dabei. Denn wie schon gesagt, Fahrräder sind hier das wichtigste Verkehrsmittel. Übrigens: Die fehlende Mobilität mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist nicht nur ein Problem der Flüchtlinge. Auch junge Leute ziehen von hier weg aus diesem Grund.

Jedenfalls fragten wir dann bei den "Heimatfreunden Hoetmar" nach Unterstützung und sie stellten uns innerhalb des Projektes "Leutehaus" einen ehemaligen Ziegen- und Schweinestall als Werkstatt zur Verfügung.

Das klingt nach viel Arbeit. Wie ist Ihnen der Umbau der alten Ställe gelungen?

Wir hatten Glück. Gerade in dieser Phase kam das Förderprogramm des Bundeslandwirtschaftsministeriums unter dem Motto "500 Landinitiativen" heraus. Unsere Sprecherin vom Arbeitskreis Integration beantragte die Mittel zum Aufbau der Fahrradwerkstatt. Und es ging sehr unbürokratisch zu: Keine acht Wochen später waren 3.000 Euro Fördergeld bewilligt.

Für die Anschaffung von Werkzeugen haben wir eine Spende des Verdi-Kreisverbandes über 600 Euro bekommen. Auch 300 Euro Eigenmittel flossen ein. Ebenso haben uns heimische Unternehmen unterstützt.

Und dann ging es los: Mit viel Engagement haben die Flüchtlinge den alten Stall umgebaut, Mauerteile entfernt, Wände verkleidet. Insgesamt 198 Arbeitsstunden waren sie am Werk.

Wie haben die Flüchtlinge gelernt, Fahrräder zu reparieren?

Nachdem die erste Hürde genommen war, stand die Fahrradwerkstatt erst einmal. Nun galt es die zweite Hürde zu meistern: Es muss also auch funktionieren. Die Flüchtlinge lernten mit Unterstützung eines kleinen Fahrradbetriebes aus der Nachbargemeinde, wie man Fahrräder repariert. Der Inhaber hatte über unser Projekt in der Zeitung gelesen und uns spontan seine Hilfe angeboten.

Richtet sich das Reparaturangebot nur an Flüchtlinge? Wie sieht es für die Dorfbewohner aus?

Nein, es geht nicht nur um die Fahrräder der Flüchtlinge. Sondern die Werkstatt soll für das ganze Dorf da sein. Es geht also auch darum, der alten Dame zu helfen, wenn ihr Fahrrad einen Platten hat. Oder wenn in der Schule bei der Verkehrsschulung festgestellt wird, dass Kinder mit defekten Fahrrädern unterwegs sind. Dann können wir das Angebot machen, diese zu reparieren.

Wie sieht es nun ganz praktisch aus? Wann kann die Dame mit dem Platten zur Werkstatt kommen?

Erstmal haben wir geplant, dass die Fahrradwerkstatt samstags von 10 bis 12 Uhr geöffnet hat. Wir müssen sehen, ob sich das bewährt. Außerdem ist geplant, dass dann immer zwei Flüchtlinge und ein Mann aus dem Dorf vor Ort sind, die sich um die Fahrräder kümmern. Wir bieten das nicht kommerziell an, nur die Materialkosten werden in Rechnung gestellt.

Am Sonntag, 7. Oktober, wurde die Fahrradwerkstatt nun eingeweiht. Wie war die Resonanz?

Es war ein tolles Ereignis. Zur Eröffnung der Werkstatt haben wir das ganze Dorf eingeladen. Und das ist überhaupt die wichtigste Nachricht. Es ging darum zu zeigen, dass die Flüchtlinge auch etwas für uns tun. Hier kommt etwas zurück. Sie sind gut integriert, machen eine Ausbildung oder Praktika. Auf jeden Fall gab es Sekt, Bratwürstchen und Halal-Hähnchenfleisch.

Welchen Tipp können Sie anderen Gemeinden geben, die ähnliche Projekte planen?

Mein Tipp für alle Gemeinden, die vor ähnlichen Problemen stehen: Immer gucken, wo es finanzielle Töpfe gibt, die man anzapfen kann. Nur in Eigenleistung sind solch umfangreiche und für längere Zeit angelegte Projekte nicht zu stemmen.

Mittwoch, 17. Oktober 2018

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