Integration - Deutschland kann das

Integration durch Bildung

Mit dem Studium ergibt sich alles

Sajida Abadi hatte ihr Studium in Syrien gerade begonnen, als Bomben in der Nähe ihrer Wohnung einschlugen. Ihre Familie entschied sich 2014, die Heimat zu verlassen. In Deutschland wollte Abadi schnell weiter studieren. Über die Studienplattform "Kiron" können sie und andere Flüchtlinge im Internet Kurse belegen.

Hila Azadzoy (l.) spricht mit Sajida Abadi über das Studieren bei "Kiron". Hila Azadzoy (l.) spricht mit Sajida Abadi über das Studieren bei "Kiron". Foto: Grabowsky/photothek.net

Konzentriert tippt Sajida Abadi* auf der Tastatur eines Laptops. Auf dem Bildschirm sieht man Formeln und englische Texte. Die 20-jährige studiert Maschinenbau. Der Tisch, an dem sie sitzt, steht in einem Berliner Altbau. Er könnte aber auch in Paris oder im Café um die Ecke stehen – Abadi braucht nur Zugang zum Internet. Denn dort findet sie alles, was sie zum Studieren braucht. "Kiron" bündelt im Internet verfügbare Lerninhalte von etablierten Anbietern zu Lernmodulen. Die Kurse dieser Anbieter stellen Universitäten wie Harvard oder die TU München zur Verfügung.

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Keine Zeit verlieren

Am Anfang habe bei "Kiron" die Idee gestanden, dass Bildung frei zugänglich sein sollte, erzählt Hila Azadzoy. Sie ist bei "Kiron" zuständig für die Lerninhalte und die Kontakte zu Hochschulen. Als 2015 viele junge Flüchtlinge Deutschland erreichten, war schnell klar, dass "Kiron" wie für diese Zielgruppe geschaffen ist. Bevor die Flüchtlinge in Deutschland alle Formalitäten erledigt haben, um ein Studium beginnen zu können, kann es dauern. Fehlende Zeugnisse können das Studium hinauszögern.

Durch "Kiron" kann man diese Wartezeit sinnvoll nutzen. Das Bildungsmodell besteht aus durchschnittlich zwei Jahren Onlinestudium und einem anschließenden Präsenzstudium an einer Partnerhochschule. Damit die Hochschulen die bei "Kiron" absolvierten Kurse anerkennen, stimmt Azadzoy die Lehrpläne und Anforderungen mit ihnen ab.

Die angehenden Studenten brauchen zunächst nur einen Nachweis, dass sie geflüchtet sind. Bei der Anmeldung verlangt "Kiron" ein Motivationsschreiben, es folgen eine Spracheinstufung und Test-Kurse für die Interessenten. Die Kurse sind größtenteils auf Englisch. "Man braucht nicht unbedingt das Abizeugnis", so Azadzoy. Stattdessen könne man Kompetenztests oder Interviews nutzen, um die Hochschulreife festzustellen. Viele der Studenten können aber Zeugnisse einreichen.

Studentenleben, auch ohne Hörsaal

Die Anmeldung hat Sajida Abadi längst hinter sich. Dass es "Kiron" gibt, hatte ihr eine Freundin in der Flüchtlingsunterkunft erzählt. Abadi erzählt, sie studiere meistens von zu Hause aus. Es gibt aber auch die Möglichkeit, an einem von "Kiron" eingerichteten Arbeitsplatz, einem sogenannten "Studi Center", zu arbeiten. Das ist auch für die Studenten interessant, die keinen Computer besitzen.

Auch wenn man sich nicht täglich im Hörsaal trifft, bringt "Kiron" die Studenten zusammen. Über 1.500 sind es mittlerweile, Tendenz steigend. Fast die Hälfte der Studenten kommt aus Syrien. Die meisten sind zwischen 23 und 26 Jahre alt. Viele haben vor der Flucht studiert. "Sie sind super motiviert, zielstrebig und vielseitig", so Azadzoy. Es gebe neben dem Studium gemeinsame Aktivitäten und ein Buddy-Programm, bei dem man sich gegenseitig unterstützt.

Eine besondere Verantwortung

Hila Azadzoy selbst ist in Hamburg geboren und aufgewachsen. Ihr Vater kam in den 1970er Jahren aus Afghanistan nach Deutschland. Er habe damals vor ähnlichen Problemen gestanden wie die Flüchtlinge heute, so Azadzoy. Ihm fehlten notwendige Papiere. Er hingegen "musste es ohne Integrationsmaßnahmen schaffen."

Ob die Arbeit bei "Kiron" für sie deshalb etwas Besonderes ist? "Kiron ist für viele Flüchtlinge der einzige Weg. Hier zu arbeiten ist eine besondere Verantwortung", sagt sie nach kurzem Überlegen. Bei "Kiron" selbst arbeiten viele junge Menschen – Angestellte und Ehrenamtliche.

Eine Zukunft in Syrien?

Und Sajida Abadi? Sie fühlt sich in Deutschland wohl, aber sie vermisst auch Syrien. Sie sei wegen der guten Bildungschancen nach Deutschland gekommen. "Kiron" wird für sie eine Zwischenstation sein. Das Thema Integration sieht sie pragmatisch: "Alles ergibt sich durch das Studium, es muss nicht strikt geplant sein". Sie lernt Deutsch und kann sich vorstellen, nach dem Studium in Deutschland zu arbeiten. Aber eigentlich möchte sie zurück nach Syrien. Ob das klappt? "Hopefully" – "hoffentlich", sagt Sajida Abadi und lächelt.

 * Name geändert, um die Person zu schützen. Der richtige Name ist der Redaktion bekannt.

"Kiron Open Higher Education" gibt es seit 2015. Im Oktober 2015 haben sich die ersten Studenten angemeldet. Neben Deutschland gibt es weitere Standorte in Frankreich, Jordanien und der Türkei. Über "Kiron" kann man Ingenieurs-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Informatik studieren. Vor allem über Soziale Medien ist "Kiron" unter den Flüchtlingen bekannt geworden.
Das Studium ist kostenlos. Finanziert wird "Kiron" über Spenden, Stiftungen, Unternehmen und öffentliche Förderung. Das Bundesbildungsministerium fördert "Kiron" innerhalb eines Verbundprojektes für digitale Lehr- und Lernszenarien für Geflüchtete mit gut einer Million Euro.

Freitag, 04. November 2016

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