Integration - Deutschland kann das

Grütters-Interview

Visionen für Berlin

Kulturstaatsministerin Monika Grütters nimmt in der Süddeutschen Zeitung zum Humboldt-Forum und zur Berliner Museumsinsel Stellung. "Ich bin eine Anhängerin der Idee, auf der Museumsinsel auch die Malerei zu zeigen", so Grütters.

Berlin-Mitte: Museumsinsel (l.: Bodemuseum; r. daneben: Pergamon-Museum; Neues Museum; dahinter: Nationalgalerie). Museumsinsel in Berlin Foto: Bundesregierung/Kugler

Das Interview im Wortlaut:

Süddeutsche Zeitung (SZ): Vor Kurzem haben Sie für einen Umzug der Berliner Gemäldegalerie vom Kulturforum am Potsdamer Platz auf die Museumsinsel plädiert. Dieser Streit schien doch erledigt, der Umzug der alten Meister abgelehnt. Warum noch einmal darüber reden?

Monika Grütters: Weil der akute Platzmangel für die Kunst des 20. Jahrhunderts zügig behoben werden muss und eine verantwortliche Kulturpolitik dabei das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren darf. Bisher hat es lediglich eine Einlassung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu der seit August 2013 vorliegenden Variantenuntersuchung gegeben. Aber der Bundestag, der das Geld bereitstellen muss, hat sich noch nicht mit dem Thema befasst. Mit der nahe liegenden Lösung, einem Neubau hinter der Nationalgalerie auf einem Grundstück, das der Stiftung gehört, würden wir kurzfristig Raum für die Kunst des 20. Jahrhunderts gewinnen. Hier benötigen wir auch dringend Platz, auch für Sammlungen wie diejenige des Ehepaars Pietzsch. Seit Jahren wird in Berlin zu Recht beklagt, dass von der Kunst des 20. Jahrhunderts nur ein Bruchteil zu sehen ist. Das ist nicht zu verantworten. Aber damit ist aus meiner Sicht die langfristige Vision der Stiftung nicht vom Tisch. Diese sieht langfristig eine Ordnung der Kunstbestände nach inhaltlichen Kriterien vor. Die Kunst des Mittelalters und der Renaissance ist im Bode-Museum ja vor allem mit Skulpturen vertreten. Ich bin eine Anhängerin der Idee, auf der Museumsinsel auch die Malerei zu zeigen.

SZ: Wer die Berliner Situation kennt, fürchtet Endlosdebatten, eine Verschiebung des Neubaus an der Sigismundstraße.

Grütters: Das ist kein Entweder - Oder. Mir geht es darum, dass wir so schnell wie möglich Raum für eine Art "Gemäldegalerie des 20. Jahrhunderts" bekommen, dass wir dabei aber nie die langfristigen Visionen aus dem Blick verlieren. Das eine muss und darf das andere nicht ausschließen. Das 20. Jahrhundert - das große Berliner Jahrhundert der Kunst - braucht Platz, gewiss, aber auch die Entwicklung der Museumsinsel kann noch weiter gedacht werden.

SZ: Dafür braucht man sehr viel mehr Geld.

Grütters: Auch die 130 Millionen Euro für den Neubau an der Sigismundstraße sind sehr viel Geld. Der Bundestag muss sich auch dazu erst bekennen. Und leider wurden die großartigen Visionen in kleinmütigen Debatten niedergemacht. Die Unterstellung, Museums- oder Kulturverantwortliche wollten die alten Meister ins Depot verbannen, war rundweg falsch.

SZ: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ächzt ohnehin unter immer neuen Bauaufgaben und einer nicht ausreichenden Finanzierung. Wenn nun die Neue Nationalgalerie und das Pergamonmuseum saniert werden, gehen Einnahmen verloren. Muss nicht die gesamte Finanzierung der Stiftung neu geordnet werden?

Grütters: Der Bund hat die Museumsinsel schon seit Längerem zu einer seiner wichtigsten kulturpolitischen Aufgabe erklärt und bisher 1,4 Milliarden Euro dafür eingeplant. Der bauliche Sanierungsbedarf der Museumsinsel nach dem Mauerfall ist bekannt. Da Baukosten trotz langer Bauphasen stets ohne Indexsteigerungen beschlossen werden, müssen wir mehr Geld zur Verfügung stellen. Und es gibt ein Interesse, möglichst rasch zu bauen, um die Museen nicht länger als nötig schließen zu müssen. Richtig ist auch der Hinweis, dass die Höhe der Betriebskosten uns dauerhaft fordert. Zwar haben wir seit 2010 zusammen mit Berlin 15,8 Millionen Euro hinzugeben können, aber angesichts der Kostensteigerungen ist das auf Dauer nicht ausreichend. Da wir einen ausgeglichenen Haushalt anstreben, muss ich in Gesprächen und Verhandlungen mit den Kollegen im Bundestag und dem Finanzminister für die Kultur werben. Im Vergleich zu anderen Ressorts habe ich einen kleinen Haushalt, sodass es eine Herausforderung ist, dem Bedarf der großen Preußenstiftung, aber auch anderer Kultureinrichtungen gerecht zu werden.

SZ: Hinzu kommt die größte Bundeskulturbaustelle, das Humboldt-Forum im Berliner Schloss. Können Sie mir erklären, was die Zentral- und Landesbibliothek im Humboldt-Forum soll?

Grütters: Es ist der Wunsch des Landes Berlin gewesen, die Landesbibliothek in das Humboldt-Forum zu integrieren. Inzwischen sind die Planer soweit, sich mit dem Thema "Welt der Sprachen" der Idee des Humboldt-Forums zu nähern.

SZ: Die Räume auch ohne Bibliothek zu füllen, wäre kein Problem. Die Dahlemer Museen haben genug interessante Objekte.

Grütters: Das ist wohl richtig, die Sammlungen werden ein Hauptbestandteil des Humboldt-Forums. Aber es geht um mehr. Es geht vor allem um neuartige Kulturerfahrungen, um interdisziplinäre Angebote, auch um Zeitgenössisches. Es wird nicht in erster Linie eine museale Veranstaltung werden, sondern wir wollen dort ganz neuartige Auftritte der außereuropäischen Kunst präsentieren. Deutschland ist das einzige Land der Welt, das die Möglichkeit hat, den zentralen Platz der Republik neu zu definieren und dort Auskunft über sich selbst zu geben - als Partner in der Welt. Im stadträumlichen Bezug zu unserer eigenen Kulturgeschichte gegenüber auf der Museumsinsel laden wir die außereuropäischen Kulturen ein zu einem selbstbewussten, nicht einem eurozentrischen Auftritt. Das sagt viel aus über das Verständnis der Kulturnation Deutschland heute. Als Kulturpolitikerin ist es mir besonders wichtig zu zeigen, was für einen maßgeblichen Beitrag die Kultur zur Integration leistet. Um dieses Konzept klug zu entwickeln, brauchen wir für das Humboldt-Forum eine eigene Führungspersönlichkeit, einen Intendanten. Das Projekt darf sich nicht im Klein-Klein erschöpfen. Und: Es wäre eine Vision für Berlin, das sich derartigen Entwürfen ja gern ein wenig "kiezselig" verweigert.

SZ: Haben Sie sich schon mit dem neuen Berliner Kulturstaatssekretär, Tim Renner, getroffen?

Grütters: Noch nicht, ab er ich bin gespannt auf unsere erste Begegnung. Allein von seiner Biografie als Musikunternehmer her wird er andere Akzente setzen als sein Vorgänger. Kreativwirtschaft und Kulturtradition - mal sehen, ob und wie Berlin seine Haltung modernisiert.

SZ: Was meint das?

Grütters: Als Wahlberlinerin muss ich mich des Generalverdachts erwehren, die Bundespolitik agiere zu berlinzentriert. Dass 42 Prozent meines Kulturhaushaltes hierhin fließen, ist Ausdruck der Anerkennung der besonderen Rolle, die die Hauptstadt spielt. Berlin ist kein konkurrierendes Bundesland wie alle anderen. Meinen Kollegen aus den anderen Bundesländern versuche ich klarzumachen, dass sie als Erste von einer Kulturblüte ihrer Bundeshauptstadt profitieren. Das, was hier gelingt, wird in den Augen der Welt der ganzen Nation zugeschrieben. Umgekehrt sollte Berlin anerkennen, dass Hauptstadt-Sein auch eine dienende Funktion ist und sich nicht nur in der Geste das Handaufhaltens erschöpfen sollte. Ich würde mir wünschen, dass Berlin eine Art Katalysator für Meinungsbildungsprozesse ist, auch im Ästhetischen, dass hier beispielhaft etwas versucht wird. Der Bund hat Berlin etwa durch Übernahme der Akademie der Künste und der Kinemathek deutlich entlastet, in der Erwartung, dass die frei werdenden Mittel in Modellprojekte wie die Opernstiftung gesteckt werden. Das ist leider so nicht passiert. Aber gerade mit so einem Modellprojekt hätte man anderen Ländern ein Angebot machen, einen Weg zeigen können.

SZ: Sie wollen sich regelmäßig mit den Kultusministern der Länder zu Konsultationen treffen? Worum wird es da gehen?

Grütters: Es geht mir darum, das einfache Nebeneinander nicht zu akzeptieren, sondern im Sinne des kooperativen Kulturföderalismus voranzukommen. Wir stehen doch alle vor ähnlichen Herausforderungen - demografischer Wandel, multiethnische Gesellschaften -, auf die gerade die Kultur reagieren muss. Deshalb bin ich enttäuscht, wenn budgetäre Zwänge ausgerechnet zu Kürzungen bei den kleinsten Etats, denen für Kultur, führen. Kulturetats sind klein und sensibel, sie eignen sich nicht für Haushaltssanierungen. Da wird mehr an Leben zerstört als an Geld gewonnen. Was einmal an kultureller Infrastruktur vernichtet wurde, entsteht ja nie wieder. Wir sollten über die großen Chancen und Potenziale der Kultur reden. Ich lade ausdrücklich die kommunalen Spitzenverbände dazu.

Das Interview führte Jens Bisky für die Süddeutsche Zeitung.

Mittwoch, 19. März 2014

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